Archive for September 2008

Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 1

September 30, 2008

Was Barcamps angeht, bin ich ja jetzt schon ein 1-Monat-alter Hase. Also wusste ich zumindest in etwa, worauf ich mich da einlasse und wie so eine Unkonferenz funktioniert. (Auch wenn ich in Zürich die Vorstellung und Session-Planung, die ja traditionell spontan vor Ort stattfindet, verpasst hatte. Die waren schuld.)

In Stuttgart trugen insgesamt 201 Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Bereichen – ITler, PRler, Online- Journalisten, Cyberjuristen, SEO-Cracks, Webzweinullinger, Beamereinstöpselungsexperten, Socialweber, Bloggonauten, Twitterinen, Wikianer und ein Quietschepinguin zu einem äußerst informationsreichen Pro gramm und interessanten Austausch bei.

Online-Journalismus und Community-Management waren natürlich die Themen, die mich am meisten interessierten.

Um Fragen nach der Zukunft der Online-Redaktion ging es dann auch gleich in der ersten Session, die ich besuchte.

Fragen, wie:
– Gibt es noch einen Unterschied zwischen Journalismus und PR, und wenn nicht, ist das schlimm? (Btw: Interessanter Artikel zum Thema via Neuromat auf Blogwiese::

http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k08_LudwigWolf_02.html )

– Ist es sinnvoll, journalistische Artikel im Netz suchmaschinenoptimiert zu konstruieren? Oder zählt letztlich doch die individuelle Kreativität, die gute Geschichte, der eigene Stil viel mehr als die richtigen Keywords? Was macht webgerechtes journalistisches Schreiben aus?

– Wen will man eigentlich erreichen, eine möglichst große Masse an Klickern oder eine bestimmte definierte Zielgruppe? Wie hält man die Leser auf der Seite und bringt sie dazu, sich aktiv zu beteiligen (User Generated Content)?

– Wie viel 2.0 verträgt Journalismus überhaupt und welche Chancen bietet es? Wird „Redaktion“ immer mehr zur „Moderation“? Bleibt automatisch die Qualität dabei auf der Strecke, wenn jeder seinen Senf dazugeben darf, oder wird sie gar erhöht, wenn man die Chance nutzt, engagierte Experten mit Spezialwissen zu einem Thema einzubinden, statt das eigene Halbwissen über ein Thema mit gut klingenden Nullaussagebegriffen zu kaschieren?

– Und wie ist das mit der Werbung?

Es lässt sich sicherlich nicht für alle Medien generalisieren, da diese auch auf dem Papier ganz unterschiedliche Ausrichtungen haben, aber meiner Ansicht nach fährt man im Netz besser, wenn man versucht, eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen als möglichst viel Klickvieh auf die Seite zu lotsen, also Spezialinteressen, dafür global, statt Boulevardisierung auf möglichst niedrigem Niveau.

Hier wäre wohl bei vielen ein Umdenken nötig, auch bei den Online-Werbern.
Das heute vielfach gängige Spam-Modell sieht so aus: Belästige eine möglichst große Anzahl von Menschen mit E-Mails oder zappelnden blinkenden quäkenden klickibunti-Bannern und Popups und hoffe darauf, dass ein paar Leute daruntter so blöd sind, auf den Link zu klicken.

Nun sind die Leute, die versehentlich einmal und nie wieder auf eine Seite klicken, z.B. weil sie bei Guuuuhgel gaaaanz weit oben steht, nicht unbedingt diejenigen, die es am meisten lohnt anzusprechen, oder? Sollten wir nicht lieber auf diejenigen zählen, die auch wiederkommen? (An dieser Stelle ein kleiner kostenloser Hinweis für mitlesende Werber und Websiite-Designer: Eine möglichst große Zahl wild über die Seite verstreuter animierter kreischbunter Banner trägt nicht dazu bei, dass ich wiederkomme.)

Ein anderes Modell hat da meines Erachtens mehr Zukunft: Nicht möglichst viele, sondern die richtigen Leute erreichen. Die Meinungs-Multiplikatoren. Z.B. Blogger (Der Tee war übrigens wirklich lecker!). Eine langfristige Kundenbindung aufbauen. Auf Community-Effekte setzen.

Wie man eine aktive Community aus engagierten und regelmäßigen Beiträgern aufbaut und bei der Stange hält war auch Thema bei der Session zu „Stadtwikis„.von Martin Kunzelnick und Friedel Völker. Sie stellten ihre Arbeit bei beim Stadtwiki Stuttgart und beim Stadtwiki Pforzheim-Enz vor. Da Wikis komplett von der sog. kollektiven Intelligenz leben, ist hier die Community-Pflege besonders wichtig für Erfolg oder Misserfolg des Projektes. Fazit: Wenn man sich nicht kümmert, dann tut sich auch nix.

Webzweinulligkeit war überhaupt ein großes Thema in den Sessions, zu denen es mich zog.
In der Session zum Thema „Kommentar-Moderation„, organisiert von Paula, Johannes und Jan, gab es ganz unterschiedliche Meinungen von „möglichst alle Kommentare durchgehen lassen, die nicht offensichtlicher Spam und nicht offensichtlich beleidigend sind“ über „nur Kommentare mit Realnamen zulassen“ bis zu „die Kommentarfunktion am besten ganz abschalten“. Ein flammendes Plädoyer für Nicknames habe ich hier ja schon einmal gehalten.
(Hier die Ultrakurzversion für Eilige: Die meisten, die unter einem festen Nick kommentieren, sind meiner Erfahrung nach genauso unproblematisch und mindestens so identifizierbar wie Realname-Kommentatoren und wer partout Stunk machen will, der wird dies tun, egal unter welchem Namen.)

Letztlich ist Moderationsarbeit immer Abwägungssache, die ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, sozialer Kompetenz und viel Fingerspitzengefühl braucht. Der beste Schutz gegen Trolle ist nach allgemeinem Erfahrungskonsens wohl eine funktionierende starke Kern-Community, die den Moderator beim Monitoring aktiv unterstützt, weil die Stammuser selbst ein Interesse am Funktionieren der Community und am freundlichen Umgang mit einander haben.

Das bedeutet für die Betreiber einer 2.0-Plattform allerdings auch, ein bisschen Kontrolle abzugeben. Sich auf Diskussionen einzulassen. Input und Kritik von Usern als potentiell hilfreich statt als potentiell autoritätsbedrohend anzusehen. Community-Regeln eventuell in Interaktion und Abstimmung mit den Usern festzulegen. Wenn man sich darauf einlassen mag, können sich durch sinnvolle Nutzung kollektiver Intelligenz (außer der eigenen Arbeitsentlastung) auch ungemein spannende neue Ideen ergeben, auf die man von allein nie gekommen wäre.

Es klingt vielleicht banal, scheint mir aber extrem wichtig: Wenn man andere partizipieren lässt, sollte man die User auch ernst nehmen und auf deren Feedback und Input einzugehen versuchen. Der virtuelle Papierkorb oder maschinell generierte Standardantworten sind nicht in allen Fällen die beste aller Möglichkeiten, wenn man sich 2.0 auf die Fahnen geschrieben hat.

PS: Kleiner Contest: Wer findet den falschen Link?

 

Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 2

September 30, 2008

Um kollektive Denkprozesse ging es auch in einer Session zum Thema: „World Social Web Dialog„. Da stellte Ingmar Redel ein ambitioniertes Projekt vor, um Standards zu entwickeln, die es Organisationen und Aktivisten, die sich für gesellschaftliche Partizipation einsetzen (z.B. ATTAC, der BUND oder Transparency International, aber auch und gerade kleine lokale Gruppen), ermöglichen sollen, sich global zu vernetzen und website-übergreifend transnationale Dialoge zu führen.
Wie finden sich die Leute? Wie erfährt man von Aktionen, die einen interessieren und filtert dabei sinnvoll die Informationsmenge, die bei einem solchen global gedachten Projekt entsteht? Dazu braucht es alternative zensurfreie Suchmaschinen und semantische Suchmöglichkeiten, die auch sprachenübergreifend funktionieren.
Wie geht man mit den technischen Beschränkungen in nicht so wohlhabenden Ländern um? Was kann man tun um staatliche Zensur zu umgehen?

Gerade derzeit bei der Finanz- und Hungerkrise merken wir ja wieder, dass es Probleme gibt, die nicht mehr regional oder national handelbar sind und dass „die da oben“ auch nicht unbedingt blind vertrauenswürdig und kompetent sind, diese Probleme für uns zu lösen.

Aber auch für Leute, die Geld verdienen wollen, ist 2.0 anscheinend mittlerweile unumgänglich. Auch bei der Session von Crow’n’Crow, einer Firma, die custumizete Sitzsäcke und Taschen herstellt und vertreibt, ging es um Interaktivität und Community-Funktionen. User-Design. Also nicht die User sollen designt werden, sondern die können Designs selber entwerfen.
Und auch Radio NRJ will die Kommunikationsmöglichkeiten im Netz ausschöpfen und goes jetzt Twitter. (Wer unter meinen Lesern weiblich und 25 ist gofollow bitte mal hier.)


Kennt ihr das, manchmal hat man das Gefühl, der Tag müsste 25 Stunden haben und man müsste an 2 Orten gleichzeitig sein? Also in meinem Fall bei der Session über „Politik 2.0 & Social Media, die ungünstigerweise gleichzeitig mit der zum Thema „Entschleunigung“ von Yoda stattfand. (Ob die nun entscheidend geholfen hat, kann ich noch nicht sagen, das wird die Zeit erweisen.)

Interessante Impulse für alle, die selbständig arbeiten, gab es in dieser Session jedenfalls viele:

Qualität braucht Zeit. Auch im Journalismus. Wenn es nur darum geht, erster zu sein, bleibt die Recherche-Genauigkeit leider oft auf der Strecke.
Agieren statt Reagieren. Nicht immer erreichbar sein. Nicht immer mit 5 Aufgaben gleichzeitig jonglieren. (Wer dauernd vom klingelnden Telefon, dem klopfenden Kollegen, und „mal eben dazwischen geschobenen“ Aufgaben aus dem Takt gebracht wird, fühlt sich schneller gestresst, als wenn er selber bestimmt, was er wann wie lange tut.)
Prioritäten setzen, Real-Life-Spam herausfiltern. (Ist das jetzt wirklich wichtig oder tut es nur so?)
Relevanz: Was ist für mich persönlich wichtig?
Nachhaltigkeit: Was von dem, was ich hier mache ist auch morgen/in einer Woche/in einem Jahr/in hundert Jahren noch wichtig?

Muss ich wirklich mitrennen im Hamsterrad, nur weil alle das so machen? Wem oder was rennt man da hinterher? Wovor rennt man weg? Und warum?
– Sollten wir wirklich diese „Powermenschen“ bewundern, die 16 Stunden am Tag ackern und machern und managern, die sich nur über ihre Leistung definieren und am Wochenende eine halbe Stunde „Qualitytime“ mit ihren Kindern verbringen, oder sollten wir diese armen Schweine nicht lieber bedauern?
– Einen Spaziergang an einem Waldbach machen.
– Yo, da hat der Yoda wohl Recht, Twitter ist ein Produktivitätsvermeidungstool ersten Ranges. Macht aber trotzdem Spaß.


Und wenn es trotzdem mal wieder nicht klappt mit dem An-zwei-Orten-gleichzeitig-sein, dann hilft vielleicht Zauberei.
Zumindest habe ich unseren Barcampzauberer
Till Haunschild im Verdacht, dass er sowas kann, Mir ist es nämlich ein ungelöstes Rätsel, wie man es anstellt, Empfang, Namensschilder- und T-Shirt-Ausgabe, Garderobe, Buffett, Kaffeeschlange, Teeausgabe, Frühstücksraum und den Durchgang zu allen verfügbaren Räumen für 200 Leute auf 30 Quadratmetern unterzubringen, ohne dass die Materie dabei ernstlich Schaden nimmt.

Vielen Dank übrigens den Barcamp-Organisatoren für die super Orga! Einfach phantastisch! Und erstaunlich, wie sie es dabei auch noch immer geschafft haben, so unhektisch auszusehen! 🙂

Danke auch an alle Barcamp-Sponsoren.

PS: Achja, die Sache mit dem Pinguin (Bild by Yoda) muss ich noch aufklären für die Leser, die das Barcamp Stuttgart verpasst haben: Der schaute jeweils nach einer halben Stunde bei den Sessions herein, um die Diskussion einzuläuten, bzw. einzuquietschen, damit niemand die Zeit verpasste. Was aber eigentlich meist gar nicht nötig war, die Diskussion war meist sowiieso schon längst im Gange, so richtig zweipunktnullig halt.

Zum „Tag des Butterbrotes“

September 26, 2008

gab es heute in der Bäckerei ein solches gratis. Lecker! Nur schade, dass der „Tag des Butterbrotes“ dies Jahr nicht mit dem „Tag des Milchkaffees“ zusammenfällt.

Gewohnheitstier

September 25, 2008

Der Mensch geht seinen gewohnten Gang, und das ist vermutlich evolutionär gesehen auch eine recht vernünftige Einrichtung. Wer immer die selbe Strasse benutzt von zu Hause zum Büro und wieder zurück, obwohl ihm noch mindestens 3 vermutlich ebensoschöne offenstünden, kennt seinen Weg durchs Revier.

Er weiss, wo Gefahren durch wilde Tiere lauern, beispielsweise durch den Nachbarund, der immer hinterhältig hinter der Thujahecke kauert um dann, hat er einen arglosen Passanten gewittert, mit lautem Gekläff und Geknurr gegen den Jägerzaun zu springen.
Der Gewohnheitsmensch kennt die Stellen, wo sammeln und jagen erfahrungsgemäss erfolgversprechend scheinen: den Supermarkt an der Ecke und das „Wienerwald“.

Wer immer seinen Routinen und Ritualen folgt, spart sich viel Nachdenken.  Er kann seinen Kopf in der Zeit sinnvoller nutzen und beispielsweise über die Grundlagen der Quantenphysik nachdenken statt zu überlegen, ob der die linke oder die rechte Socke zuerst anziehen soll.

Aber manchmal sollte der Mensch die Dinge einfach einmal ganz gegen seine Gewohnheit tun.
Dann merkt er wieder, dass er lebt.

Dieses Finanzfiasko da

September 23, 2008

Wohin verschwinden eigentlich 1000 Milliarden? Und wieso merkt sowas keiner? Und wer soll das jetzt bezahlen?

Da hatten wir denselben Gedanken, die Welt und ich. Was ja jetzt auch nicht so häufig vorkommt.

Auch mir kam der Roman „American Psycho“ in den Sinn bei dem Finanzinvestmentsupergau der letzten Woche. Da wird die Wall Street beschrieben als eine zynische Welt, in der nur die Oberfläche zählt, der Style, die Fassade. Eine inhumane Welt, abstrakt, ohne Werte, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Eine völlige Gefühlstaubheit gegenüber dem, was diese Männer in ihren Designeranzügen anderen antun. Das System der globalen Finanzmärkte ist ein kannibalistisches.

Wieder so eine schöne böse Allegorie.

Bret Easton Ellis: American Psycho
Auf Englisch:
Random House
ISBN-10:
0307278638
ISBN-13:
978-0307278630

Auf Deutsch:
Kiepenheuer & Witsch 2006
ISBN-10:
3462036998
ISBN-13:
978-3462036992

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(Keine Angst, ich empfehle hier demnächst auch mal nette freundliche kuschelige Bücher.)

Laubschnupfen

September 19, 2008

Ich leide an einer Allergie gegen Herbst.
Kaum fallen die Temperaturen und die Blätter, bekomme ich schweren Laubschnupfen. Die Nase ist verstopft, die Augen jucken, und weil ich damit nicht schlafen kann, sinkt meine Stimmung und meine Gesamtkonstitution in Folge gegen Null. Mein Hausarzt glaubt mir nicht. Er versichert mir, er würde nur Patienten mit Heuschnupfen behandeln, dafür wäre ich aber leider zu spät dran. Mein Arzt tippt auf Heizungsluft. Egal, was ich vorbringe zur Verteidigung meiner neu entdeckten Krankheit, meinem sicherlich irgendwann einmal nach mir benannt werdenden Flashfröglichen Laubschnupfen, an dem bestimmt Tausende, ach, was sag ich, Millionen leiden, ohne es zu wissen, mein Arzt ist nicht davon abzubringen: ich hätte einen akuten Fall von Heizungsluft.

Er empfiehlt mir dagegen ein Meerwasser-Nasenspray. Aha. Das kostet mich 4 Euro, weil eingebildete Krankheiten nicht von der Kasse übernommen werden. Das Spray enthält, als ich den Beipackzettel zu Hause genauer studiere, in der Hoffnung auf interessante Nebenwirkungen, eine Natrium-Chlorid-Lösung.
Genauer gesagt ist das, wenn mich meine rudimentären Erinnerungen an den Chemieunterricht nicht täuschen: Kochsalzwasser.

Naja, vielleicht hilft gegen eine eingebildete Krankheit ja ein eingebildetes Medikament. Vielleicht ist das so wie mit homöopathischen Mitteln, da ist ja ausser Wasser auch nix drin, aber wenn man ganz fest dran glaubt, soll es ja helfen. Habe ich selber nie ausprobiert, aber ich erinnere mich daran, dass ich als Kind ein Zwergkaninchen hatte, dass einmal mit homöopathischen Mittelchen behandelt wurde.
Und hat schonmal irgendjemand einen Fisch mit Schnupfen gesehen?
Eben.

Aber der eigentliche Knaller bei diesem tollen Meerwasser-Nasenspray ist ja, dass 12 Milliliter Salzwasser wiegesagt 4 Euro kosten. Ein Liter Salzwasser käme dann etwa, Moment, 333 Euro. Nun gibt es auf diesem Planeten kaum etwas in solchem Überfuss wie unausgebeutete Reserven an Meerwasser. Das bringt mich auf eine super Geschäftsidee…

Das Zwergkaninchen ist dann übrigens doch gestorben damals, trotz Homöopathie. War wohl eher der skeptische Typ.

Perlen vor die Säue

September 17, 2008

Die Perlenkette kam zu Fall
ins Stroh in einem Schweinestall.
Ganz unbemerkt fiel sie dort hin,
herab vom Hals der Bäuerin,
nachdem beim Bücken die entblößte
Öse sich vom Haken löste.

Die Kettenperlen sind sehr fein,
so schimmernd weiß, perfekt und rein,
ein Meisterwerk, so rund und blank.
Ein ganzes Muschelleben lang
in dunkler Unterwasserwelt
wird jede einzeln hergestellt.

„Was mag das sein?“, wird da geraunt.
Die Schweine heben höchst erstaunt
die Nasen aus den Futterschüsseln,
das Ding voll Neugier zu berüsseln,
und in die Schnauzen rein zu stecken –
es scheint jedoch nach nichts zu schmecken.

„Geschmacklos!“, quiekt ein fettes Schwein,
„Und hässlich ist es obendrein!“
Da hängt sich seine eitle Base
die Kette auf die Schweinenase.
Ihr Urteil zählt, weiß sie genau,
als junge, trendbewusste Sau.

Die dritte schnauft, entrüstet sich:
„Sie machen sich ja lächerlich!“
„Ich glaub, Sie treibt der pure Neid!“
„Grotesk, abscheulich, tut mir Leid,
das Ding da wollt ich nichtmal haben
um mir den Rücken dran zu schaben!“

Die vierte mahnt, sich zu besinnen:
„Die wahre Schönheit kommt von Innen.
Ästhetik ist Brimborium!
Wenn ich die Augen schließe, um
das Paradies mir auszumalen –
das Schönste sind Kartoffelschalen.“

Als Sau von Welt kennt sie sich aus.
Die andern grunzen ihr Applaus.
Die Kettennase überlegt.
Dann quiekt sie laut und tiefbewegt:
„Sie haben Recht!“, die Äuglein strahlen,
und seufzt verzückt: „Kartoffelschalen!“

Die üble Kette wirft sie weg
und angewidert in den Dreck.
Das Perlendingsbums wird gemieden,
das scheint nun allgemein entschieden.
Sie ignorieren es zur Gänze
und kehren ihm die Ringelschwänze

Es hat die Elster dem Geschehen
vom offnen Fenster zugesehen.
Im Stroh, da sieht sie etwas blinken.
Und mag es auch nach Gülle stinken,
sie fliegt und greift die Perlenschnur.
Das Tier versteht was von Kultur.

(Diana_Porr)

Rezi: Sibylle Berg: Sex II

September 17, 2008

„Vielleicht will ich ein guter König werden, den Menschen Träume nehmen und damit Freiheit schenken.“ (Sibylle Berg in „Gold“)

Dies ist eine Liebeserklärung an eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe.
Es geht um nichts weniger als die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und in keinem Buch habe ich diese Frage so radikal, so schlüssig und sprachlich so wunderbar beantwortet gefunden wie in Sex II von Sibylle Berg.

Es gibt Bücher in denen ein defektes Individuum an der Welt scheitert.
Und es gibt Bücher, in denen ein Individuum mit der defekten Welt nicht zurecht kommt und sich beim Scheitern überlegen fühlen darf.
Bei Frau Berg dagegen ist die Welt ein Haufen Scheiße und das Individuum ist auch kein Stück besser.
Radikal werden hier alle bürgerlichen Fassaden durchschaut, und was dahinter ist, ist nicht schön. Alle Sinnkonstruktionen und Lebensentwürfe (Gott, Geld, Karriere, Liebe …) werden systematisch demaskiert und liebevoll in die Tonne getreten. Und das Ganze auch noch witzig, mit einem tiefschwarzen Humor. präzisem analytischen Blick und sprachlicher Brillanz.
Der Leser gerät durch dieselben Zustände wie die Erzählerin: Schock, Entsetzen, Neugier, Gewöhnung, Langeweile, Überdruss, zwischendurch immer wieder ein Hauch Hoffnung gefolgt von einem herzhaften Tritt in die Fresse.
Und immer wieder schimmert da diese ungeheure Sehnsucht durch nach Schönheit, Liebe, Glück, Wärme, einem trotz allem gelingenden Leben.
Das Ende (also das Ende vor dem Ende) ist grandios, weil die Pointe nicht erklärt wird. Sehr mutig.

Und am Ende steht der Leser dann da.
Das ist kein Buch, das man beruhigt zuklappt und vergisst. Man kommt nicht umhin, sein eigenes Leben zu hinterfragen, was da grad so alles falsch läuft, welchen Illusionen man hinterherrennt und warum. Und vor allem wozu.

Eingestreut und kunstvoll verwoben mit der Handlung und Motivik finden sich einige der besten Kolumnen-Geschichten der Autorin, die Sibylle Berg u.a. für das Zeit-Magazin geschrieben hat.

Zudem besticht das Buch durch ästhetische Qualitäten bei Schriftart und Satz und die gebundene Version enthält auch noch Schwarzweißfotos.
Und natürlich ist der Titel grandios.

Ncht lesen sollten das Buch: Deutschlehrer, denen bei unvollständigen Sätzen oder dem Wort Scheiße der Rotstift unkontrollierbar in der Hand zuckt und depressive Menschen in akuter Suizidgefahr.

Lesen sollten es: Alle anderen.
Ganz besonders: Politiker, PR-Manager, Pärchen, BWL-Studenten, Frauen, Pfarrer, Fashionvictims, Männer, Radrennfahrer, Berliner, CDU-Wähler, Fernsehzuschauer, Kleingärtner und Schriftsteller.

Sibylle Berg: Sex II
Reclam Verlag Leipzig
ISBN-10:
3379016659
ISBN-13:
978-3379016650

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Frau Berg hat ein neues Zuhause

September 17, 2008

Sieht schnuckelig aus.

Und am besten gleich die Briefe von Frau Berg abonnieren. Die gibts es zum Glück immernoch.

Und aus aktuellem Anlass eine Rezension über eins der 3 besten Bücher, die ich je gelesen habe.

Vorbild sein

September 12, 2008

An ein paar Fussgängerampeln (nein, nicht an dieser hier) wurde zum Schulanfang ein Schild angebracht: „Bei Rot stehen. Kindern Vorbild sein!“ Das „K“ hatte dann irgendein Witzbold mit Klebeband überklebt. Normalerweise liebe ich solche Buchstabenspielereien, aber 1. ist seit der rechtspopulistischen „Kinder statt Inder“-Kampagne dieses Wortspiel in Deutschland nicht mehr so wirklich der Bringer und 2. stehen besagte Ampeln 20 Meter Luftlinie von einem Pizza-Service entfernt, der von Sikhs betrieben wird. Die müssen also täglich an diesen Ampeln vorbei. Was sie wohl dabei denken? Sie müssen diesen „Scherz“ doch direkt auf sich beziehen, oder?

Ich habe mich geärgert, ein bisschen fremdgeschämt – und bin weitergegangen und habe die Sache vergessen.

Heute stand ich mal wieder an einer dieser Ampeln und mir fiel auf, dass jemand bei dieser den Klebestreifen entfernt hatte. Selbiges tat ich dann endlich auch mit den anderen Schildern.
Wieso hatte ich erst das Vorbild eines anderen gebraucht, um aus diffusem Unbehagen, stiller Empörung und innerem Kopfgeschüttel endlich Handlung werden zu lassen?

Aber wer weiss, vielleicht haben mich ja ein paar Kinder zufällig dabei beobachtet, wie ich das Klebeband mit den Fingernägeln vom Schild gekratzt habe…