Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 2

Um kollektive Denkprozesse ging es auch in einer Session zum Thema: „World Social Web Dialog„. Da stellte Ingmar Redel ein ambitioniertes Projekt vor, um Standards zu entwickeln, die es Organisationen und Aktivisten, die sich für gesellschaftliche Partizipation einsetzen (z.B. ATTAC, der BUND oder Transparency International, aber auch und gerade kleine lokale Gruppen), ermöglichen sollen, sich global zu vernetzen und website-übergreifend transnationale Dialoge zu führen.
Wie finden sich die Leute? Wie erfährt man von Aktionen, die einen interessieren und filtert dabei sinnvoll die Informationsmenge, die bei einem solchen global gedachten Projekt entsteht? Dazu braucht es alternative zensurfreie Suchmaschinen und semantische Suchmöglichkeiten, die auch sprachenübergreifend funktionieren.
Wie geht man mit den technischen Beschränkungen in nicht so wohlhabenden Ländern um? Was kann man tun um staatliche Zensur zu umgehen?

Gerade derzeit bei der Finanz- und Hungerkrise merken wir ja wieder, dass es Probleme gibt, die nicht mehr regional oder national handelbar sind und dass „die da oben“ auch nicht unbedingt blind vertrauenswürdig und kompetent sind, diese Probleme für uns zu lösen.

Aber auch für Leute, die Geld verdienen wollen, ist 2.0 anscheinend mittlerweile unumgänglich. Auch bei der Session von Crow’n’Crow, einer Firma, die custumizete Sitzsäcke und Taschen herstellt und vertreibt, ging es um Interaktivität und Community-Funktionen. User-Design. Also nicht die User sollen designt werden, sondern die können Designs selber entwerfen.
Und auch Radio NRJ will die Kommunikationsmöglichkeiten im Netz ausschöpfen und goes jetzt Twitter. (Wer unter meinen Lesern weiblich und 25 ist gofollow bitte mal hier.)


Kennt ihr das, manchmal hat man das Gefühl, der Tag müsste 25 Stunden haben und man müsste an 2 Orten gleichzeitig sein? Also in meinem Fall bei der Session über „Politik 2.0 & Social Media, die ungünstigerweise gleichzeitig mit der zum Thema „Entschleunigung“ von Yoda stattfand. (Ob die nun entscheidend geholfen hat, kann ich noch nicht sagen, das wird die Zeit erweisen.)

Interessante Impulse für alle, die selbständig arbeiten, gab es in dieser Session jedenfalls viele:

Qualität braucht Zeit. Auch im Journalismus. Wenn es nur darum geht, erster zu sein, bleibt die Recherche-Genauigkeit leider oft auf der Strecke.
Agieren statt Reagieren. Nicht immer erreichbar sein. Nicht immer mit 5 Aufgaben gleichzeitig jonglieren. (Wer dauernd vom klingelnden Telefon, dem klopfenden Kollegen, und „mal eben dazwischen geschobenen“ Aufgaben aus dem Takt gebracht wird, fühlt sich schneller gestresst, als wenn er selber bestimmt, was er wann wie lange tut.)
Prioritäten setzen, Real-Life-Spam herausfiltern. (Ist das jetzt wirklich wichtig oder tut es nur so?)
Relevanz: Was ist für mich persönlich wichtig?
Nachhaltigkeit: Was von dem, was ich hier mache ist auch morgen/in einer Woche/in einem Jahr/in hundert Jahren noch wichtig?

Muss ich wirklich mitrennen im Hamsterrad, nur weil alle das so machen? Wem oder was rennt man da hinterher? Wovor rennt man weg? Und warum?
– Sollten wir wirklich diese „Powermenschen“ bewundern, die 16 Stunden am Tag ackern und machern und managern, die sich nur über ihre Leistung definieren und am Wochenende eine halbe Stunde „Qualitytime“ mit ihren Kindern verbringen, oder sollten wir diese armen Schweine nicht lieber bedauern?
– Einen Spaziergang an einem Waldbach machen.
– Yo, da hat der Yoda wohl Recht, Twitter ist ein Produktivitätsvermeidungstool ersten Ranges. Macht aber trotzdem Spaß.


Und wenn es trotzdem mal wieder nicht klappt mit dem An-zwei-Orten-gleichzeitig-sein, dann hilft vielleicht Zauberei.
Zumindest habe ich unseren Barcampzauberer
Till Haunschild im Verdacht, dass er sowas kann, Mir ist es nämlich ein ungelöstes Rätsel, wie man es anstellt, Empfang, Namensschilder- und T-Shirt-Ausgabe, Garderobe, Buffett, Kaffeeschlange, Teeausgabe, Frühstücksraum und den Durchgang zu allen verfügbaren Räumen für 200 Leute auf 30 Quadratmetern unterzubringen, ohne dass die Materie dabei ernstlich Schaden nimmt.

Vielen Dank übrigens den Barcamp-Organisatoren für die super Orga! Einfach phantastisch! Und erstaunlich, wie sie es dabei auch noch immer geschafft haben, so unhektisch auszusehen! 🙂

Danke auch an alle Barcamp-Sponsoren.

PS: Achja, die Sache mit dem Pinguin (Bild by Yoda) muss ich noch aufklären für die Leser, die das Barcamp Stuttgart verpasst haben: Der schaute jeweils nach einer halben Stunde bei den Sessions herein, um die Diskussion einzuläuten, bzw. einzuquietschen, damit niemand die Zeit verpasste. Was aber eigentlich meist gar nicht nötig war, die Diskussion war meist sowiieso schon längst im Gange, so richtig zweipunktnullig halt.

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3 Antworten to “Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 2”

  1. neuromat Says:

    Entschleunigung. Entschleunigung, die brauchen wir jetzt nämlich. Aber ganz schnell.

    Ich bin ein ganz grosser Anhänger der Entschleunigung. Darum nehme ich mich für vieles Zeit. Damit das besser klappt, müssen die anderen eben etwas zügiger ran. Wenn mir dieser unrasierte Aushilfskellner meinen Espresso etwas schneller bringt, habe ich wieder eine Weile mehr, um diesen ganz langsam zu mir zunehmen. Warum die aber auch immer so hetzen müssen, keiner freut sich schliesslich ueber eine Ejaculatio praecox, da ist der Quickie vorbei, bevor Du drüber …

    … nachgedacht hast.

    Wie lange dauert das oder bis wann höre ich von Ihnen, signalisiert mir da will jemand sich entschleunigen und mich beschleunigen. Ich werde misstrauisch, wenn Menschen etwas spannend finden. Dann bekomme ich das Gefühl, denen fehlen die Worte. Die haben so viel Gas gegeben, dass die Worte zurückgeblieben sind. Und ich bleibe auch misstrauisch, wenn sie wie kleine grüne Jedis heissen. Die neigen eventuell auch dazu genau die gleichen Fragen zu stellen; denn das hilft ihnen, sich zu entschleunigen.

    Im Grunde genommen haben wir uns bereits ueberholt. Wir wünschen uns einen geordneten Zeitgarten, in dem wir für jede Pflanze einen Platz finden. Es müsste doch mittels pränataler genetischer Diagnostik möglich sein, unsere Laufzeit zu bestimmen und so unser Verfallsdatum festzulegen. Das könnte dann bei der Geburt gleich angebracht werden. Mindestens haltbar bis: siehe Deckel.

    Dann wüsste jeder ganz genau, wieviel Zeit er jetzt noch so hat. Aber vielleicht geht es ja gar nicht um das Tempo. Leistung ist die je Zeitspanne verrichtete Arbeit oder abgegebene Energie. Warum sollten wir also entschleunigen, wenn wir besser entbetriebsamen sollten, nur weil die Entbriebsamung ein viel zu unattraktives Wort ist; eben nicht „spannend“.

    Aber die Betriebsamkeit, die sinnlose Rastlosigkeit ist das eigentliche Detail. Wie funktioniert das Management vieler Manager. Es funktioniert: „by Helicopter“. Kurz runter, Staub aufwirbeln und wieder weiter. Und „nachhaltig“ kann dieser Staub auch sein. Ob er hilfreich ist, steht auf einem anderen Blatt.

    Geschäftigkeit beschreibt dieses Tun auch sehr schön. Am schönsten aber fand ich es früher mal bei Heinrich Böll, der heute „mega-out“ ist: „Wasser rauscht. Papier wird verbraucht. Es geschieht etwas“. Ja selbst die natürlichste Produktion von menschlichen Exkrementen lässt sich in zelebrierter Betriebsamkeit erledigen. Ich glaube die Kurzgeschichte hiess auch „Es geschieht etwas“.

    Wie wär’s, wenn mal nix passiert. Tausendmal probiert – keiner hat’s kapiert.

  2. flashfrog Says:

    @neuromat: Ok, Spannung bedeutet ja Stress, zumindest auf Englisch und den sollte man beim Schreiben möglichst vermeiden.
    Ich meinte da oben aber tatsächlich spannend, in dem Sinn, dass man vorher nie weiß, wie es ausgeht.
    Und Staub ist sowieso das Nachhaltigste, das es auf diesem Planeten gibt.

    Die Geschichte von Böll heißt übrigens: „Es wird etwas geschehen“ (1956).
    Vieles von Böll erscheint tatsächlich etwas unmodern, weil die Generation, gegen die er angeschrieben hat, so langsam ausstirbt.

  3. Henning Says:

    Die Politik-2.0-Session wird bei Facebook fortgesetzt: http://www.facebook.com/group.php?gid=34545475918

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