Archive for the ‘Gedichte und Gereime’ Category

Elektronisches Nirvana

Januar 16, 2009

Im Netz ist ohne eig’nes Wollen
schon so mancher glatt verschollen.
Bei Virusbe- und Stromausfällen
kann ein E-Mail schnell verschellen.
Drum sich’re, was du retten willst,
damit du nicht im Netz verschillst!

(Diana Porr)

Wunschzettel

Dezember 11, 2008

Liebes Christkind, schreibt die Schnecke,
ich wohne in der Weinberghecke
Nummer 21a.
Mein Name ist Amalia.

Meine Nachtgebete weiß ich,
war in der Schule immer fleißig,
und es gab nur selten Tadel.
Bin ein braves Schneckenmadl.
War immer höflich, nett und lieb.
Doch neulich kam ein Schneckendieb,
hat in diesen dunklen Tagen
meine Eltern fortgetragen,
die nun im Schneckenhimmel sind.
Bin ein armes Waisenkind.

Ich wünsche mir zur heilgen Nacht
(wenn es nicht zu viel Mühe macht)
nur ein ganz besondres Futter:
einen Koch in Kräuterbutter.

(Diana Porr)

Niko Laus

Dezember 5, 2008

Vorm Namenstag stellt Niko Laus
die klitzekleinen Stiefel raus.
Beim kleinen Klaus wohnt er gemütlich
und tut sich auf der Kopfhaut gütlich.
Da baut er dann auch manchmal Mist:
Weil er ein rechter Lausbub ist,
da kriegt er sich (wie alle Jahre)
mit seinem Bruder in die Haare.

Nikos Bruder Ladis Laus
der heckt auch gerne mal was aus.
Das sind mir schon zwei richtig Coole.
Die gehn mit Klaus auch in die Schule
und Mathe findet Ladis grausig,
denn darin war er immer lausig.
Er langweilt sich und krabbelt da
zu Klausis Freundin Claudia,
packt die Gelegenheit beim Schopf –
da hat er seinen eignen Kopf.

Auch Niko, dieser Lausebengel,
ist sicherlich kein Weihnachtsengel.
Denn allzu gern tobt er mit Nissen
allnächtlich in Klein-Klausis Kissen,
und beißt den armen Klaus und sticht.
Dass den das juckt, das kratzt ihn nicht.
Doch allzu großer Übermut,
der geht bekanntlich selten gut.

Hast du genascht vom süßen Blute
kommt nicht Knecht Ruprecht mit der Rute,
viel schlimmer, da kommt Klausis Mom
mit Shampoo und mit Nissenkamm!

(Diana Porr)

Schneckenhaus

Oktober 2, 2008

Die Blätter fallen von den Bäumen.
Die Schnecke fühlt sich pudelnackt.
Das lässt von eignen Räumen träumen.
Die Wohnungssuche ist vertrackt.

Nächtens wird es deutlich kälter.
(Geht das schnell in diesem Jahr!)
Man wird selbst ja auch schon älter,
hat genug von FKK.

Will so obdachlos nicht warten.
Würd so gern ein Haustier sein.
„Schnecke sucht ein Haus mit Garten“
schreibt sie in die Zeitung rein.

Im Mobilienmarkt da bieten
Makler Exklusives an:
Luxushäuser zu vermieten –
wenn man sich die leisten kann.

Und in einem Inserat steht
ein Gehäuse im Tessin,
super Lage im Salatbeet.
Dahin würd sie gerne ziehn!

(Diana_Porr)

Perlen vor die Säue

September 17, 2008

Die Perlenkette kam zu Fall
ins Stroh in einem Schweinestall.
Ganz unbemerkt fiel sie dort hin,
herab vom Hals der Bäuerin,
nachdem beim Bücken die entblößte
Öse sich vom Haken löste.

Die Kettenperlen sind sehr fein,
so schimmernd weiß, perfekt und rein,
ein Meisterwerk, so rund und blank.
Ein ganzes Muschelleben lang
in dunkler Unterwasserwelt
wird jede einzeln hergestellt.

„Was mag das sein?“, wird da geraunt.
Die Schweine heben höchst erstaunt
die Nasen aus den Futterschüsseln,
das Ding voll Neugier zu berüsseln,
und in die Schnauzen rein zu stecken –
es scheint jedoch nach nichts zu schmecken.

„Geschmacklos!“, quiekt ein fettes Schwein,
„Und hässlich ist es obendrein!“
Da hängt sich seine eitle Base
die Kette auf die Schweinenase.
Ihr Urteil zählt, weiß sie genau,
als junge, trendbewusste Sau.

Die dritte schnauft, entrüstet sich:
„Sie machen sich ja lächerlich!“
„Ich glaub, Sie treibt der pure Neid!“
„Grotesk, abscheulich, tut mir Leid,
das Ding da wollt ich nichtmal haben
um mir den Rücken dran zu schaben!“

Die vierte mahnt, sich zu besinnen:
„Die wahre Schönheit kommt von Innen.
Ästhetik ist Brimborium!
Wenn ich die Augen schließe, um
das Paradies mir auszumalen –
das Schönste sind Kartoffelschalen.“

Als Sau von Welt kennt sie sich aus.
Die andern grunzen ihr Applaus.
Die Kettennase überlegt.
Dann quiekt sie laut und tiefbewegt:
„Sie haben Recht!“, die Äuglein strahlen,
und seufzt verzückt: „Kartoffelschalen!“

Die üble Kette wirft sie weg
und angewidert in den Dreck.
Das Perlendingsbums wird gemieden,
das scheint nun allgemein entschieden.
Sie ignorieren es zur Gänze
und kehren ihm die Ringelschwänze

Es hat die Elster dem Geschehen
vom offnen Fenster zugesehen.
Im Stroh, da sieht sie etwas blinken.
Und mag es auch nach Gülle stinken,
sie fliegt und greift die Perlenschnur.
Das Tier versteht was von Kultur.

(Diana_Porr)

Ein dringendes Bedürfnis

September 2, 2008

Party mit viel Sekt und Bier.
Ebendarum steh ich hier
am beschaulich-stillen Ort:
Was reinfloss will nun wieder fort.

Äußerst eng ist die Latrine.
Es ist die einzige Kabine
verriegelt und das Schildchen rot.
Kein Urinal im Angebot.
Die Blase funkt schon S.O.S.:
„Mach ma hinne da, Express!

Zählst du auch die Bodenfliesen,
deutlich sei drauf hinjewiesen,
wie ick jerade wieda merke:
Jeduld is nich so meine Stärke.
Mein Freund, es sei hier klar umrissen:
Unsre Lage ist beschwerlich.“

An Feuerwehren, Sommerregen,
Boote, die vom Strand ablegen,
Wasserrutschen, Schwimmturniere,
Waschanlagen, an Geysire,
an Niagara, denk ich kurz.
Da ertönt ein feuchter Furz.

Die Blase: „Meister, wollt nur wissen:
Wird dit heut noch watt mit pinkeln?
Watt treibt da drinne dieset Wesen?
Den „Herrn der Ringe“ fertichlesen??
Der soll sich ma am Riemen reißen,
kann der Typ nich schneller schauen, dass er fertich wird?“

Ich stelle mich dicht an den Rand
der hölzernen Kabinenwand,
ob sich nicht was vernehmen ließe
durch die Tür zum Paradiese. —
Es stöhnt. Verhalten gluckern Säfte.
Mir schwanen größere Geschäfte…

Als letzten Ausweg zu beflecken
taxiere ich das Handwaschbecken.
Ob man darein schnell heimlich kann?
Da stellt sich einer hinten an.

Die Blase meldet unterdessen:
„Sagma, wäre es vermessen,
wenn ick in Erinnrung brächte:
Ick habe ooch jewisse Rechte!
Leiste täglich meine Fron,
doch, bitteschön, wer bin ick schon!
Du kannst mich gerne weiter quälen
und nochmal bis hundert zählen.“

Wie ein Yogi, ganz gelassen,
konzentriert aufs Atemfassen,
betrachte ich mir ganz in Ruhe
die Spitzen des Besetzers Schuhe
untendurch aus schrägem Winkel:
Italienisch. Feiner Pinkel.

Darauf die Blase: „A pro Po,
Chef, sach an, wie stehtet so?
Willst du noch weiter hier sinnieren,
kann ick für nüscht mehr jarantieren…“

Ich verlass den Leidgenossen,
der sich da drin eingeschlossen,
weil ich jetzt sehr deutlich sehe,
dass er nicht kann, weil ich hier stehe.

So beschließe ich zu gehn,
ne Runde durch den Garten drehn,
und such, wie schon Rousseau verfuhr,
den Weg zurück zu der Natur.

(Diana Porr)