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Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 1

September 30, 2008

Was Barcamps angeht, bin ich ja jetzt schon ein 1-Monat-alter Hase. Also wusste ich zumindest in etwa, worauf ich mich da einlasse und wie so eine Unkonferenz funktioniert. (Auch wenn ich in Zürich die Vorstellung und Session-Planung, die ja traditionell spontan vor Ort stattfindet, verpasst hatte. Die waren schuld.)

In Stuttgart trugen insgesamt 201 Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Bereichen – ITler, PRler, Online- Journalisten, Cyberjuristen, SEO-Cracks, Webzweinullinger, Beamereinstöpselungsexperten, Socialweber, Bloggonauten, Twitterinen, Wikianer und ein Quietschepinguin zu einem äußerst informationsreichen Pro gramm und interessanten Austausch bei.

Online-Journalismus und Community-Management waren natürlich die Themen, die mich am meisten interessierten.

Um Fragen nach der Zukunft der Online-Redaktion ging es dann auch gleich in der ersten Session, die ich besuchte.

Fragen, wie:
– Gibt es noch einen Unterschied zwischen Journalismus und PR, und wenn nicht, ist das schlimm? (Btw: Interessanter Artikel zum Thema via Neuromat auf Blogwiese::

http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k08_LudwigWolf_02.html )

– Ist es sinnvoll, journalistische Artikel im Netz suchmaschinenoptimiert zu konstruieren? Oder zählt letztlich doch die individuelle Kreativität, die gute Geschichte, der eigene Stil viel mehr als die richtigen Keywords? Was macht webgerechtes journalistisches Schreiben aus?

– Wen will man eigentlich erreichen, eine möglichst große Masse an Klickern oder eine bestimmte definierte Zielgruppe? Wie hält man die Leser auf der Seite und bringt sie dazu, sich aktiv zu beteiligen (User Generated Content)?

– Wie viel 2.0 verträgt Journalismus überhaupt und welche Chancen bietet es? Wird „Redaktion“ immer mehr zur „Moderation“? Bleibt automatisch die Qualität dabei auf der Strecke, wenn jeder seinen Senf dazugeben darf, oder wird sie gar erhöht, wenn man die Chance nutzt, engagierte Experten mit Spezialwissen zu einem Thema einzubinden, statt das eigene Halbwissen über ein Thema mit gut klingenden Nullaussagebegriffen zu kaschieren?

– Und wie ist das mit der Werbung?

Es lässt sich sicherlich nicht für alle Medien generalisieren, da diese auch auf dem Papier ganz unterschiedliche Ausrichtungen haben, aber meiner Ansicht nach fährt man im Netz besser, wenn man versucht, eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen als möglichst viel Klickvieh auf die Seite zu lotsen, also Spezialinteressen, dafür global, statt Boulevardisierung auf möglichst niedrigem Niveau.

Hier wäre wohl bei vielen ein Umdenken nötig, auch bei den Online-Werbern.
Das heute vielfach gängige Spam-Modell sieht so aus: Belästige eine möglichst große Anzahl von Menschen mit E-Mails oder zappelnden blinkenden quäkenden klickibunti-Bannern und Popups und hoffe darauf, dass ein paar Leute daruntter so blöd sind, auf den Link zu klicken.

Nun sind die Leute, die versehentlich einmal und nie wieder auf eine Seite klicken, z.B. weil sie bei Guuuuhgel gaaaanz weit oben steht, nicht unbedingt diejenigen, die es am meisten lohnt anzusprechen, oder? Sollten wir nicht lieber auf diejenigen zählen, die auch wiederkommen? (An dieser Stelle ein kleiner kostenloser Hinweis für mitlesende Werber und Websiite-Designer: Eine möglichst große Zahl wild über die Seite verstreuter animierter kreischbunter Banner trägt nicht dazu bei, dass ich wiederkomme.)

Ein anderes Modell hat da meines Erachtens mehr Zukunft: Nicht möglichst viele, sondern die richtigen Leute erreichen. Die Meinungs-Multiplikatoren. Z.B. Blogger (Der Tee war übrigens wirklich lecker!). Eine langfristige Kundenbindung aufbauen. Auf Community-Effekte setzen.

Wie man eine aktive Community aus engagierten und regelmäßigen Beiträgern aufbaut und bei der Stange hält war auch Thema bei der Session zu „Stadtwikis„.von Martin Kunzelnick und Friedel Völker. Sie stellten ihre Arbeit bei beim Stadtwiki Stuttgart und beim Stadtwiki Pforzheim-Enz vor. Da Wikis komplett von der sog. kollektiven Intelligenz leben, ist hier die Community-Pflege besonders wichtig für Erfolg oder Misserfolg des Projektes. Fazit: Wenn man sich nicht kümmert, dann tut sich auch nix.

Webzweinulligkeit war überhaupt ein großes Thema in den Sessions, zu denen es mich zog.
In der Session zum Thema „Kommentar-Moderation„, organisiert von Paula, Johannes und Jan, gab es ganz unterschiedliche Meinungen von „möglichst alle Kommentare durchgehen lassen, die nicht offensichtlicher Spam und nicht offensichtlich beleidigend sind“ über „nur Kommentare mit Realnamen zulassen“ bis zu „die Kommentarfunktion am besten ganz abschalten“. Ein flammendes Plädoyer für Nicknames habe ich hier ja schon einmal gehalten.
(Hier die Ultrakurzversion für Eilige: Die meisten, die unter einem festen Nick kommentieren, sind meiner Erfahrung nach genauso unproblematisch und mindestens so identifizierbar wie Realname-Kommentatoren und wer partout Stunk machen will, der wird dies tun, egal unter welchem Namen.)

Letztlich ist Moderationsarbeit immer Abwägungssache, die ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, sozialer Kompetenz und viel Fingerspitzengefühl braucht. Der beste Schutz gegen Trolle ist nach allgemeinem Erfahrungskonsens wohl eine funktionierende starke Kern-Community, die den Moderator beim Monitoring aktiv unterstützt, weil die Stammuser selbst ein Interesse am Funktionieren der Community und am freundlichen Umgang mit einander haben.

Das bedeutet für die Betreiber einer 2.0-Plattform allerdings auch, ein bisschen Kontrolle abzugeben. Sich auf Diskussionen einzulassen. Input und Kritik von Usern als potentiell hilfreich statt als potentiell autoritätsbedrohend anzusehen. Community-Regeln eventuell in Interaktion und Abstimmung mit den Usern festzulegen. Wenn man sich darauf einlassen mag, können sich durch sinnvolle Nutzung kollektiver Intelligenz (außer der eigenen Arbeitsentlastung) auch ungemein spannende neue Ideen ergeben, auf die man von allein nie gekommen wäre.

Es klingt vielleicht banal, scheint mir aber extrem wichtig: Wenn man andere partizipieren lässt, sollte man die User auch ernst nehmen und auf deren Feedback und Input einzugehen versuchen. Der virtuelle Papierkorb oder maschinell generierte Standardantworten sind nicht in allen Fällen die beste aller Möglichkeiten, wenn man sich 2.0 auf die Fahnen geschrieben hat.

PS: Kleiner Contest: Wer findet den falschen Link?

 

Wo die Pinguine quietschen oder: Barcamp Stuttgart 27./28.9.2008 Part 2

September 30, 2008

Um kollektive Denkprozesse ging es auch in einer Session zum Thema: „World Social Web Dialog„. Da stellte Ingmar Redel ein ambitioniertes Projekt vor, um Standards zu entwickeln, die es Organisationen und Aktivisten, die sich für gesellschaftliche Partizipation einsetzen (z.B. ATTAC, der BUND oder Transparency International, aber auch und gerade kleine lokale Gruppen), ermöglichen sollen, sich global zu vernetzen und website-übergreifend transnationale Dialoge zu führen.
Wie finden sich die Leute? Wie erfährt man von Aktionen, die einen interessieren und filtert dabei sinnvoll die Informationsmenge, die bei einem solchen global gedachten Projekt entsteht? Dazu braucht es alternative zensurfreie Suchmaschinen und semantische Suchmöglichkeiten, die auch sprachenübergreifend funktionieren.
Wie geht man mit den technischen Beschränkungen in nicht so wohlhabenden Ländern um? Was kann man tun um staatliche Zensur zu umgehen?

Gerade derzeit bei der Finanz- und Hungerkrise merken wir ja wieder, dass es Probleme gibt, die nicht mehr regional oder national handelbar sind und dass „die da oben“ auch nicht unbedingt blind vertrauenswürdig und kompetent sind, diese Probleme für uns zu lösen.

Aber auch für Leute, die Geld verdienen wollen, ist 2.0 anscheinend mittlerweile unumgänglich. Auch bei der Session von Crow’n’Crow, einer Firma, die custumizete Sitzsäcke und Taschen herstellt und vertreibt, ging es um Interaktivität und Community-Funktionen. User-Design. Also nicht die User sollen designt werden, sondern die können Designs selber entwerfen.
Und auch Radio NRJ will die Kommunikationsmöglichkeiten im Netz ausschöpfen und goes jetzt Twitter. (Wer unter meinen Lesern weiblich und 25 ist gofollow bitte mal hier.)


Kennt ihr das, manchmal hat man das Gefühl, der Tag müsste 25 Stunden haben und man müsste an 2 Orten gleichzeitig sein? Also in meinem Fall bei der Session über „Politik 2.0 & Social Media, die ungünstigerweise gleichzeitig mit der zum Thema „Entschleunigung“ von Yoda stattfand. (Ob die nun entscheidend geholfen hat, kann ich noch nicht sagen, das wird die Zeit erweisen.)

Interessante Impulse für alle, die selbständig arbeiten, gab es in dieser Session jedenfalls viele:

Qualität braucht Zeit. Auch im Journalismus. Wenn es nur darum geht, erster zu sein, bleibt die Recherche-Genauigkeit leider oft auf der Strecke.
Agieren statt Reagieren. Nicht immer erreichbar sein. Nicht immer mit 5 Aufgaben gleichzeitig jonglieren. (Wer dauernd vom klingelnden Telefon, dem klopfenden Kollegen, und „mal eben dazwischen geschobenen“ Aufgaben aus dem Takt gebracht wird, fühlt sich schneller gestresst, als wenn er selber bestimmt, was er wann wie lange tut.)
Prioritäten setzen, Real-Life-Spam herausfiltern. (Ist das jetzt wirklich wichtig oder tut es nur so?)
Relevanz: Was ist für mich persönlich wichtig?
Nachhaltigkeit: Was von dem, was ich hier mache ist auch morgen/in einer Woche/in einem Jahr/in hundert Jahren noch wichtig?

Muss ich wirklich mitrennen im Hamsterrad, nur weil alle das so machen? Wem oder was rennt man da hinterher? Wovor rennt man weg? Und warum?
– Sollten wir wirklich diese „Powermenschen“ bewundern, die 16 Stunden am Tag ackern und machern und managern, die sich nur über ihre Leistung definieren und am Wochenende eine halbe Stunde „Qualitytime“ mit ihren Kindern verbringen, oder sollten wir diese armen Schweine nicht lieber bedauern?
– Einen Spaziergang an einem Waldbach machen.
– Yo, da hat der Yoda wohl Recht, Twitter ist ein Produktivitätsvermeidungstool ersten Ranges. Macht aber trotzdem Spaß.


Und wenn es trotzdem mal wieder nicht klappt mit dem An-zwei-Orten-gleichzeitig-sein, dann hilft vielleicht Zauberei.
Zumindest habe ich unseren Barcampzauberer
Till Haunschild im Verdacht, dass er sowas kann, Mir ist es nämlich ein ungelöstes Rätsel, wie man es anstellt, Empfang, Namensschilder- und T-Shirt-Ausgabe, Garderobe, Buffett, Kaffeeschlange, Teeausgabe, Frühstücksraum und den Durchgang zu allen verfügbaren Räumen für 200 Leute auf 30 Quadratmetern unterzubringen, ohne dass die Materie dabei ernstlich Schaden nimmt.

Vielen Dank übrigens den Barcamp-Organisatoren für die super Orga! Einfach phantastisch! Und erstaunlich, wie sie es dabei auch noch immer geschafft haben, so unhektisch auszusehen! 🙂

Danke auch an alle Barcamp-Sponsoren.

PS: Achja, die Sache mit dem Pinguin (Bild by Yoda) muss ich noch aufklären für die Leser, die das Barcamp Stuttgart verpasst haben: Der schaute jeweils nach einer halben Stunde bei den Sessions herein, um die Diskussion einzuläuten, bzw. einzuquietschen, damit niemand die Zeit verpasste. Was aber eigentlich meist gar nicht nötig war, die Diskussion war meist sowiieso schon längst im Gange, so richtig zweipunktnullig halt.