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Konstruktive Kritik

September 5, 2008

Am siebten Tage aber, als Gott eigentlich mal so richtig ausspannen wollte, wurde ihm schnell langweilig. Da nahm er einen Klumpen Lehm zur Hand und begann, ein wenig herumzubasteln. So schuf er den Kritiker.
Kaum hatte Gott dem Kritiker das Leben eingeblasen, da legte der auch schon los:

„An sich durchaus eine nette Idee, so eine Schöpfung, aber die Umsetzung ist ehrlich gesagt leider wenig überzeugend. Irgendwie wirkt das hingeschludert, lieblos zusammengebastelt, nicht zu Ende gedacht. Mir erschließt sich beispielsweise nicht, wie du am 1. Tag Tag und Nacht machen kannst, wenn du erst am 4. Sonne und Mond erschaffst. Das ist unlogisch. Und wie können die Bäume am 3. Tag Früchte tragen, wenn die Bienen erst am 6. auf der Bildfläche erscheinen? Das funktioniert so nicht, das ist einfach nicht plausibel. (Übrigens, die Äpfel hier, die sind aber schon bio und ungespritzt, oder? Weißt du, ich hab einen empfindlichen Magen.)
Und wieso laufen hier eigentlich alle splitternackt herum? Ich hole mir garantiert einen Sonnenbrand. Und dauernd wird es Abend und Morgen – viel zu viele Wiederholungen, das solltest du straffen, sonst wird es über die Jahrtausende langweilig.

Dann hast du da also diese ganzen Tiere erschaffen: Einige sind ja recht gelungen und handwerklich solide gemacht, aber die Elefanten beispielsweise sind mir viel zu dick aufgetragen, die Rochen sind einfach zu platt, die Eisbären bleiben blass, die Giraffen wirken irgendwie gestelzt, die Bäume hölzern, die Fische sagen mir nichts. Den Bergen fehlt die Tiefe.
Wie gesagt, die Grundidee gefällt mir ja, aber das wirkt doch alles sehr konstruiert. (Hast du eigentlich schon mal was von Darwin gehört? Solltest du bei Gelegenheit mal lesen, da könntest du noch was lernen! — Mein Gott, Sinn für Humor hast du wohl gar keinen?)

Also, auch, wenn das hier dein Debüt ist, überzeugt es mich nicht, es reißt mich einfach nicht vom Hocker. Deine ästhetische Konzeption zeigt zwar gute Ansätze, alles in allem nicht unsympathisch, die Inszenierung kommt aber insgesamt doch ziemlich amateurhaft daher.
Ganz nett, recht originell und von einigem Unterhaltungswert, ein gewisses Talent ist erkennbar, aber da hättest du einfach mehr draus machen müssen, aus so einer Schöpfung, hier wurde eine Chance verspielt. Schade.

Okay, der Mensch ist eine ganz witzige, schräge Idee, aber in der Umsetzung hapert es dann doch gewaltig: Die Konstruktion ist unpräzise, unausgegoren, und die Pointe viel zu vorhersehbar!
Auch sprachlich ist das eher schwach, da müsste noch gefeilt werden: ‚Seid fruchtbar und mehret euch in vernünftigem Maße‘, und: ‚Macht euch die Erde untertan, aber macht sie nicht kaputt.‘ – Das ist doch selbstverständlich und banal, das würde ich nochmal überarbeiten und kürzen!

Die Story geht für mich irgendwie nicht auf. Ich kann den Sinn des Ganzen nicht erkennen, mir fehlt da einfach ein schlüssiges En –“

Da nahm Gott den zappelnden Kritiker in die Hand, drückte ihn wieder zu einem Lehmklumpen zusammen und knetete daraus eine Schlange.