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Erbgut

Januar 17, 2009

Ich fahre wegen dem Ding ganz sicher nicht nochmal nach Spaichingen.“

„Rainer wäre wohl auch kaum erfreut, dich zu sehen, so wie du dich aufgeführt hast.“

„Ich habe mich nicht aufgeführt.“

„Nun, sagen wir mal so: Deine Schwabenwitze auf der Beerdigungsfeier sind nicht bei allen Trauergästen gut angekommen.“

„Und wie sollen wir das Monstrum überhaupt nach Berlin kriegen? Hast du dir das schon mal überlegt? In den Kofferraum wird ein ausgewachsenes Biedermeiersofa ja wohl kaum passen.“

„Wir könnten am Wochenende den alten Bully von Jonas ausleihen? Ach komm schon! Es ist ein Erinnerungsstück und Tante Hedi war immerhin meine Lieblingstante.“

„Wenn du ihre Lieblingsnichte warst, warum hat sie dir dann nur ein schäbiges altes Sofa vermacht? Sie muss doch steinreich gewesen sein, nachdem sie nach Friedrichs Tod die Firma verkauft hatte.“

„Rainer sagt, sie wäre etwas wunderlich geworden auf ihre alten Tage …“

„Kann ich mir lebhaft vorstellen, dass man wunderlich wird, wenn man in einem Kaff wohnt, wo die einzige Abwechslung, auf die man sich freuen kann, die eigene Beerdigungsfeier ist.“

„Stefan, es reicht!
Mit Rainer hat sie sich im Übrigen nie besonders verstanden. Ihr Sohn und sie sind sich wohl eher aus dem Weg gegangen.“

„Sagt wer?“

„Rainer.“

„Vielleicht hat sie die Kohle ja heimlich in der Karibik auf den Kopf gehauen? Oder sie hat sich mit Aktien verspekuliert?“

„Tante Hedi und Aktien! Sie hat doch nichtmal einem Sparbuch bei ihrer Bank vertraut. Früher hat sie ihr Geld in einem leeren Gurkenfass gehortet.“

„Sagt Rainer?“

„Sagt meine Mutter.“

„Kannst du dich erinnern, dass auf diesem Möbel jemals irgendwer gesessen hat? Und ich kann dir auch sagen warum. Ich habs nämlich mal versucht, bei Tante Hedis 70stem, notgedrungen, weil alle anderen Sitzgelegenheiten von deiner lieben umfangreichen Verwandtschaft belegt waren: Die Polsterung ist hart wie ein Brett, nach zehn Minuten auf dem edlen Stück ist mir der Hintern eingeschlafen.“

„Und wenn es irgendwie wertvoll ist? Es ist immerhin antik!“

„Und an der gesamten hinteren Kante war der Bezugsstoff gerissen und deine Tante hatte ihn offenbar eigenhändig wieder zusammengeflickt, der krummen Naht nach zu schließen. Pathologischer schwäbischer Geiz!
Und wo sollten wir das Teil überhaupt hinstellen? Zu unserem Einrichtungsstil passt ein Biedermeiersofa ja nun nicht wirklich.“

„Einrichtungsstil? Ach, du meinst das exquisite Ikea-Ambiente mit den raffinierten Flohmarkt-Elementen hier? Wenn du mal ein paar anständig bezahlte Aufträge reinholen würdest, dann könnten wir uns vielleicht mal ein paar anständige Möbel leisten.“

„Sagt deine Mutter?“

„Sage ich.“

„Seit wann bist du eigentlich so spießig?“

„Nein im Ernst, die Tür vom Kleiderschrank klemmt schon ewig, dafür springt deine Wäscheschublade jedes Mal aus der Schiene, wenn man sie aufzieht, aber das scheint dich ja nicht zu kratzen, du lässt sie ja eh immer offen stehen.“

„Weil sie immer aus der Schiene springt!“

„Und deine alte Jugendzimmerklappcouch ist ehrlich gesagt auch nicht gerade der Bringer, einrichtungslifestylemäßig.“

„Hey, auf genau dieser Couch haben wir uns das erste Mal geküsst, remember? Außerdem ist sie retro und das hier ist Berlin – arm aber so sexy wie Angela Merkel.“

„OK, ich rufe Rainer an, er soll das Sofa auf den Sperrmüll geben.“

Das ist doch mal ein vernünftiges Wort.“

„Aber schon irgendwie rätselhaft, was sie mit ihrem ganzen Geld gemacht hat, oder?“

(von Diana Porr)