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Schall und Rauch

September 4, 2008

Das Thema wurde ja schon desöfteren durchs globale Mediendorf getrieben und wieder zurück. Auch ein Schweizer Bundesrat nahm sich kürzlich seiner an:

http://medienlese.com/2008/08/30/blogcamp-switzerland-30-alle-echt-und-mit-namen/

Weil das trotzdem in manch einem Kommentar zum Thema noch ein wenig durcheinander geht, sollten wir vielleicht zunächst einmal zu klären versuchen, was das eigentlich ist: Realname, Pseudonym und Anonymität.

Der Realname ist in den meisten Fällen der Vor- und Familienname, also von den Eltern bestimmt oder durch Heirat erworben.

Ein Pseudonym ist, laut Wikipedia ein „ein fingierter Name, den besonders Künstler und Schriftsteller aus unterschiedlichen Gründen verwenden“ Übrigens schrieben auch Bibelverfasser unter Pseudonym.

Anonymität dagegen bedeutet: Namenlos.

Psyeudonym ist nicht gleich anonym. Wer in einer Community unter einem Pseudonym schreibt, ist durchaus nicht anonym, sondern entwickelt mit der Zeit in vielen Fällen ein klar wiedererkennbares Persönlichkeitsprofil. Wenn diese Person in dieser Community morgen plötzlich eine ganz andere Meinung zu einem Thema vertreten würde als gestern, würde das für grosse Irritationen sorgen. Hier zeigt sich sehr deutlich der Unterschied zwischen “pseudonym” und “anonym”.

Die meisten Netzuser halten das wohl je nach Bedarf – mit Freunden auf Facebook etwa plaudert man mit Realnamen, twittert mit kurzem Nick, und in dem Forum über Hämorrhoiden postet man vielleicht besser anonym.

Schutz der Privatsphäre: Wenn ich im realen Leben jemanden kennenlerne, dann gebe ich ja auch nicht gleich alles über mich preis. Und schon gar nicht jedem x-beliebigen.

Wenn ich im Kanuverein oder in meinem Stammcafé oder in einem Seminar etwas erzähle, dann ist das für eine begrenzte Zuhörerschaft bestimmt.

Im Netz kann jeder immer überall alles über jeden nachgooglen: der Chef, die Schwiegermutter, der amerikanische Geheimdienst, der schmierige Typ von gegenüber, der immer mit einem Fernglas am Fenster steht und der kommerzielle Datenjäger.

Manche Netznutzer haben schon die Erfahrung machen müssen, dass auch Private Korrespondenz im Netz nicht immer privat bleibt.

Das gesprochene Wort verschwindet. Ein Aktfoto im Netz schauen sich unter Umständen in 50 Jahren die Urenkel an.

Unterschiedliche Rollen: Auch im realen Leben spielen wir ständig verschiedene Rollen: Da ist einer Finanzbeamter, Rockgitarrist, Lurchzüchter, Stiefvater und Islandfan in einer Person.

Selbstgewählte Pseudonyme können diese verschiedenen Seiten einer Persönlichkeit ausdrücken, „Mike Sobotzke“ eher nicht.

Ein selbstgewählter Künstlername kann deutlich mehr über eine Person aussagen als der Realname.

Der Realname sagt unter Umständen mehr aus über die religiösen oder politischen Einstellungen der Eltern einer Person („Gotthelf“, „Mohammad“, „Tanne“, „Nancy-Chantal“) oder über den Lieblingsfussballspieler des Erzeugers (Diego Hintermeyer) als über die Person selber. Wer Urs oder Björn heisst, mag ein feingliedriges, intellektuelles Wesen sein, das Bärige, das ihm seine Eltern eingebrockt haben, wird er schwerlich los, auch wenn er vielleicht besser Gabriel hiesse.

Ist der Realname eindeutig und individuell? In manchen Kulturen werden auch die Vornamen vererbt, man heisst dort nach dem Patenonkel oder der Grossmutter. Und drücken all die Leas, Lenas, Lunas, Linas, Lisas, Leonies und Laras, die diesertage die Top-Namenslisten bevölkern wirklich einen Wunsch nach Indiividualität aus? Bezeichnet „Frank Müller“ oder „Jack Smith“ ein Individuum oder einen Menschenauflauf?

Ein Pseudonym kann also viel unverwechselbarer sein als der Realname.

Die Gründe für die Namenswahl bei Pseudonymen sind jedenfalls bei jedem individuell. Und bei jedem sehr persönlich. Manch ein Pseudonym ist ein Code für Eingeweihte, der Name einer literarischen Figur in einem Bücherforum beispielsweise, oder eine technische Abkürzung, die sich nur Fachverständigen erschliesst und den Besitzer des Namens als solchen ausweist. Manche Namen machen Wandlungen durch, Verkürzungen, Erweiterungen, Übersetzungen.

Jeder erlebt eine ganz persönliche Geschichte mit seinem Namen.

Und nur ein guter Nickname bleibt auch haften.

Spiel mit Identitäten Man stelle sich in einem Fantasy-Rollenspiel bitte einen Drachenjäger Hansjürgen Kleinhuber vor oder einen Vampir namens Dörte Karawatzki!

Die selbstgewählte Identiiät ermöglicht es unserem Finanzbeamten Miroslav Trollinger, der, wir erinnern uns, weiter oben noch Mike Sobotzke hiess, Seiten der eigenen Persönlichkeit ausleben, die man ihm im sog. richtigen Leben nicht zutrauen würde. Es gibt Menschen, die das Spiel mit verschiedenen Kunstfiguren im Netz geradezu zu einer Kunstform erhoben haben und die zu fragen, welche Identität nun eigentlich ihre „wahre“ sei, einer langweiligen Buchhaltermentalität gleichkäme.

Im Netz lernt man sich von Innen nach Aussen kennen. Wie jemand im richtigen Leben heisst oder wie er aussieht, wie alt er ist und ob männlich oder weiblich, was für einen Beruf er ausübt und ob er im Designeranzug vor dem Rechner sitzt oder im Jogginganzug und was für ein Auto er sich leisten kann, all diese Äusserlichkeiten sind bei virtuellen Kontakten oft überhaupt nicht wichtig. Hier zählt, was einer zu sagen hat.

Die Diskussion um Realnamen ist deshalb für mich eine Scheindebatte. Auf die Qualität des Blogs, des Artikels, des Postings, des Kommentars kommt es an. Und die Qualität eines Textes wird nicht automatisch besser, wenn der Autor dazuschreibt, dass er Friedrich Munzelbacher heisst.

Ein Generalverdacht gegen alle, die nicht mit vollem Realnamen im Netz schreiben, nur weil ein paar wenige die Anonymität im Netz missbrauchen, ist genauso unsinnig. wie alle Menschen, die beim Skifahren eine Skimaske tragen, für Verbrecher zu halten, nur weil einer mal mit einer Skimaske maskiert eine Bank überfallen hat.

PS: Wie dein Name deinen Charakter beeinflusst, gibt es hier nachzuschauen:
http://www.kabalarians.com/cfm/menu-briefanalysis.cfm

Viel Spass!