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Perlen vor die Säue

September 17, 2008

Die Perlenkette kam zu Fall
ins Stroh in einem Schweinestall.
Ganz unbemerkt fiel sie dort hin,
herab vom Hals der Bäuerin,
nachdem beim Bücken die entblößte
Öse sich vom Haken löste.

Die Kettenperlen sind sehr fein,
so schimmernd weiß, perfekt und rein,
ein Meisterwerk, so rund und blank.
Ein ganzes Muschelleben lang
in dunkler Unterwasserwelt
wird jede einzeln hergestellt.

„Was mag das sein?“, wird da geraunt.
Die Schweine heben höchst erstaunt
die Nasen aus den Futterschüsseln,
das Ding voll Neugier zu berüsseln,
und in die Schnauzen rein zu stecken –
es scheint jedoch nach nichts zu schmecken.

„Geschmacklos!“, quiekt ein fettes Schwein,
„Und hässlich ist es obendrein!“
Da hängt sich seine eitle Base
die Kette auf die Schweinenase.
Ihr Urteil zählt, weiß sie genau,
als junge, trendbewusste Sau.

Die dritte schnauft, entrüstet sich:
„Sie machen sich ja lächerlich!“
„Ich glaub, Sie treibt der pure Neid!“
„Grotesk, abscheulich, tut mir Leid,
das Ding da wollt ich nichtmal haben
um mir den Rücken dran zu schaben!“

Die vierte mahnt, sich zu besinnen:
„Die wahre Schönheit kommt von Innen.
Ästhetik ist Brimborium!
Wenn ich die Augen schließe, um
das Paradies mir auszumalen –
das Schönste sind Kartoffelschalen.“

Als Sau von Welt kennt sie sich aus.
Die andern grunzen ihr Applaus.
Die Kettennase überlegt.
Dann quiekt sie laut und tiefbewegt:
„Sie haben Recht!“, die Äuglein strahlen,
und seufzt verzückt: „Kartoffelschalen!“

Die üble Kette wirft sie weg
und angewidert in den Dreck.
Das Perlendingsbums wird gemieden,
das scheint nun allgemein entschieden.
Sie ignorieren es zur Gänze
und kehren ihm die Ringelschwänze

Es hat die Elster dem Geschehen
vom offnen Fenster zugesehen.
Im Stroh, da sieht sie etwas blinken.
Und mag es auch nach Gülle stinken,
sie fliegt und greift die Perlenschnur.
Das Tier versteht was von Kultur.

(Diana_Porr)

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