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Schöne Wörter: Säumen

Oktober 19, 2008

Entschuldigung, ich habe gesäumt.

Klingt schön, oder?

Wer denkt bei dem Wort eigentlich noch an den Säumer, der mit seinem mit italienischen Köstlichkeiten beladenen Esel über einen Alpenpass wandert? So schön altmodisch entschleunigt, verglichen mit dem rasenden Globalverkehr heutiger Tage? Oder an die Wildblumen, die den Rand seines Weges gesäumt haben mögen, der noch Zeit hatte, sie wahrzunehmen? Säumen reimt sich auf träumen. Im Falle des Säumers bedeutet Sauma „Last“. Und Lästiges schiebt man ja allzu gern auf die lange Bank.

Ich habe verabsäumt, über die Frankfurter Buchmesse zu berichten, aber Sibylle Berg hat dies vor einem Jahr schon so unvergleichlich getan. Dem kann man eigentlich nicht viel hinzufügen.

Ich habe versäumt, das TV-Duell des Monats zu analysieren und festzustellen, dass Herr Reich-Ranicki und Herr Gottschalk da offenbar an einander vorbeiredeten: Für Gottschalk bemisst sich „Erfolg“ nach Quote, so hat er es gelernt. Und so lange das so ist, und solange die Entscheider fernerhin davon überzeugt sind, dass man Quote am besten macht, indem man eine möglichst grosse Masse bei den niedersten Instinken packt, wird sich in Sachen Qualität nichts entscheidend ändern. Aber auch das wissen wir ja längst.

Die Celan-triefende Rede, die der Bildhauer Anselm Kiefer da zum Erhalt des Friedenspreises des Dt. Buchhandels geschwurbelt hat über das kollektive Unterbewussstsein der Deutschen und die Leere im eigenen Inneren (ja, die Leere, man konnte sie förmlich mit Händen greifen bei dieser Rede), die hätte ich dagegen nicht verprokrastiniert, sondern beinahe ganz bewusst verschwiegen.

Prokrastination ist für manchen schon das Unwort des Jahres. Für andere ein Grund, eine sehr empfehlenswerte witzige Glosse zu schreiben. Oder gar ein ganzes Buch. Prokrastination ist in aller Munde.

Dabei ist Saumseligkeit doch ein unendlich viel schöneres Wort!

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